Noch selten wurden so viele Zeitenwenden in so kurzer Zeit aneinandergereiht. Ein völlig disruptiver Wettbewerb der globalen Blöcke zerreibt das alternde Europa, wo in wenigen Monaten die politische Diskussion von der Produktion von Windrädern zur Stärkung der eigenen Rüstungsindustrien gewechselt hat.
Die Schweiz, welche in ihrer Standortpromotion und Ansiedlungspolitik in den letzten Jahren aufgrund der boomenden Konjunktur sehr defensiv agierte, wird sich strategisch neu positionieren müssen, ob sie in einem von Zöllen, massiven staatlichen Förderprogrammen und technologischem Wettrüsten verhärteten Standortwettbewerb richtig aufgestellt ist. Eine zentrale Frage wird dabei sein, ob die Schweiz zum Zuliefer-Hotspot der neuen, europäischen Rüstungsindustrie werden will. Die Diskussion ist in der Fachwelt der Wirtschafts- und Standortförderung noch nicht angekommen.
Hält Automotive durch?
Die Meldungen von Kurzarbeit sowie erste Betriebsschliessungen mit Massenentlassungen zeugen von den Auswirkungen des Wegbrechens im europäischen Automotive Bereich sowie den Disruptionen in den globalen Supply Chains. Die Zölle der USA gegen europäische Autohersteller werden tiefe Wunden hinterlassen. Meldungen über Kurzarbeit in der Ostschweiz etwa zeigen, dass bereits ein Drittel aller Betriebe der MEM-Wirtschaft betroffen ist. Doch kann Europa seine Autobau- und Zulieferindustrie in so kurzer Zeit neu ausrichten? Würde die Produktion von Waffen- und Verteidigungssystemen die Lücke füllen? Und falls ja: wo sieht sich die Schweiz?
Wohlstandskorken Schweiz: Defence wäre unser Handwerk
Die Schweiz ist noch eine Wohlstandsinsel innerhalb Europas. Trotz der fast stündlich lancierten Schockwellen aus Washington bleibt das Land weiterhin gezeichnet von Wachstumsmüdigkeit. Ein grosser Hemmungsfaktor für Wachstum ist die Schweizer Raumplanung. Die Verdichtung misslingt, die Preise für Arbeitsflächen gehen durch die Decke. Die Städte leisten kaum mehr einen Beitrag ans Wachstum. Die Verfahrensdauer bei der Entwicklung von Schlüsselarealen hat sich in nur einem Jahrzehnt vervierfacht. Unsere Schweizer Wirtschaft wird immer mehr ins Umland verdrängt, weshalb starke Regionen in den Agglomerationen und im ländlichen Raum gefordert sind, der Wirtschaft den notwendigen Raum zu bereiten. Unter den neuen globalen Herausforderungen müsste die Politik schon längst signalisieren, dass die Schweiz ihre räumliche Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen soll. Und dies auch für Verteidigungstechnik.
Können wir noch Standortwettbewerb?
Die Forderung einer wirksamen Bereitstellung von Raum ist umso relevanter, als sich die globalen Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Schweiz in hohem Tempo verändern. Es braucht wahrscheinlich wieder etwas mehr Wehrfähigkeit als die von sozialen und ökologischen Kräften gepriesene ESG-Kompatibilität. Zudem wird eine "Dual-Use"-Strategie wesentlich sein: Können wir die Technologien und Hightech-Anwendungen aus militärische Anwendung oder KI-gestützten Verteidigungssystemen gleichzeitig für zivile Nutzungen poolen? Es steht ein Wettbewerb der neuen Wehrhaftigkeit bei gleichzeitiger Innovationsfähigkeit vor der Haustüre.
Rahmenbedingungen anpassen.
Der Standort Schweiz ist gefordert: die Schönwetterkonjunktur geht gerade durch den Fleischwolf. Es gilt wohl, die Vorzüge der Schweizer Verteidigungsindustrie auf das neue Weltbild auszurichten und neu zu entdecken. Standorte mit Kompetenzen in der Verteidigungstechnologie in Zürich, Emmen, Stans, Alpnach, Altdorf, Payerne, Thun, Zweisimmen, Aigle oder Lausanne müssen gestärkt werden. Der Bund darf seine Rüstungskompetenzen gezielt bündeln. Auch die Rechtslage rund um die Ausfuhr von Kriegsmaterial wird zügig zu überdenken sein. Ansonsten geht die Entwicklung an der Schweiz vorbei.
Mehr dazu: www.defence-cluster.ch
